Weniger als 40 % bleiben in der Lebensmitte bei einem Arbeitgeber – und 2,2 Millionen arbeiten befristet
Zwei neue Auswertungen dieser Woche: das IAB zu Arbeitgeberwechseln über das ganze Erwerbsleben und das Statistische Bundesamt zu befristeten Arbeitsverträgen.
IAB: In der Lebensmitte hat nur gut ein Drittel durchgängig einen Arbeitgeber
Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat am 11. August 2026 den Kurzbericht Nr. 14/2026 veröffentlicht: „Nur ein Arbeitgeber war schon immer die Ausnahme“ von Dana Müller und Philipp vom Berge. Die Autorin und der Autor haben Erwerbsbiografien sozialversicherungspflichtig Beschäftigter für den Zeitraum 1992 bis 2023 ausgewertet, Datengrundlage ist die Stichprobe der Integrierten Arbeitsmarktbiografien (SIAB). Den Auswertungen zur mittleren Erwerbsphase liegen 405.791 Fälle zugrunde.
Der zentrale Befund im Wortlaut: „Weniger als 40 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten haben in der mittleren Erwerbsphase, also im Alter von 35 bis 49 Jahren, durchgängig nur einen Arbeitgeber.“ Konkret waren es im Durchschnitt der untersuchten Geburtsjahrgänge etwa 38 Prozent mit genau einem Arbeitgeber, 23 Prozent mit zwei, 29 Prozent mit drei bis fünf und 9 Prozent mit sechs oder mehr. Im Schnitt kommen die Beschäftigten in diesen 15 Jahren auf 2,67 Arbeitgeber, und dieser Wert bewegt sich über alle Kohorten hinweg nur zwischen 2,59 und 2,74.
Interessant ist der Vergleich der Lebensphasen. In der frühen Erwerbsphase (25 bis 34 Jahre) liegt der Mittelwert ebenfalls bei 2,7 Arbeitgebern, in der späten Erwerbsphase (50 bis 60 Jahre) dagegen bei 1,8. Gleichzeitig ist die späte Phase die stabilste: Der Anteil der Beschäftigungsdauer an der Erwerbsphase liegt dort bei 73,3 Prozent, in der mittleren bei 67,3 und in der frühen bei 59,3 Prozent. Für Westdeutschland weist das IAB zusätzlich einen Unterschied nach Geschlecht aus: Frauen haben in der mittleren Erwerbsphase im Schnitt 2,3 Arbeitgeber, Männer 2,6.
Das IAB hält dazu fest: „Auch ältere Geburtsjahrgänge hatten selbst in Teilphasen ihres gesamten Erwerbslebens in der Regel mehr als einen Arbeitgeber.“ Die Vorstellung, dass Wechsel ein neues Phänomen jüngerer Jahrgänge seien, trägt also nicht.
Was das für die Besetzung von Stellen bedeutet
Für Arbeitgeber steckt darin eine Zahl, die man in beide Richtungen lesen kann. Wer eine Stelle besetzen will, hat es mit einem Bewerbermarkt zu tun, in dem der Wechsel die Regel ist und nicht die Ausnahme – rund zwei Drittel der 35- bis 49-Jährigen sind in dieser Phase mindestens einmal zu einem anderen Arbeitgeber gegangen. Passende Fachkräfte sitzen also überwiegend nicht in Stellenportalen, sondern in einem Arbeitsverhältnis, das sie grundsätzlich zu verlassen bereit sind. Genau darauf zielt die Direktansprache; die Unterschiede zur Stellenanzeige haben wir im Ratgeber Direktansprache oder Stellenanzeige gegenübergestellt.
Umgekehrt gilt dasselbe für die eigene Belegschaft. Wenn 9 Prozent der Beschäftigten in 15 Jahren sechs oder mehr Arbeitgeber haben, ist die Frage nach der Bindung keine Nebensache der Personalarbeit. Für Praxen, Kliniken und Kanzleien, die um dieselben knappen Qualifikationen konkurrieren, ist eine gehaltene Fachkraft billiger als eine nachbesetzte – nachgerechnet in den Ratgebern Mitarbeiterbindung und Vakanzkosten.
Destatis: 2,2 Millionen befristete Verträge, der Anteil sinkt
Am 13. August 2026 hat das Statistische Bundesamt Zahlen zur Befristung für 2025 veröffentlicht. Rund 2,2 Millionen Menschen in Deutschland hatten einen befristeten Arbeitsvertrag, das entspricht 6,0 Prozent aller Erwerbstätigen zwischen 15 und 64 Jahren, die nicht in Ausbildung, Studium oder Freiwilligendienst waren (Kernerwerbstätige). 2015 lag dieser Anteil noch bei 7,0 Prozent.
Die Verteilung ist stark altersabhängig: Bei den 15- bis 25-Jährigen waren 18,3 Prozent befristet beschäftigt. Nach Wirtschaftsbereichen lag der Anteil im Bereich Erziehung und Unterricht mit 11,2 Prozent am höchsten, im Baugewerbe sowie im Finanz- und Immobilienbereich mit jeweils 2,5 Prozent am niedrigsten. Zahlen speziell für das Gesundheitswesen oder die Steuerberatung nennt die Mitteilung nicht.
Zwei weitere Werte sind für die Personalplanung relevant. Mehr als die Hälfte der befristet Beschäftigten ab 25 Jahren, nämlich 52,4 Prozent, hatte einen Vertrag mit einer Laufzeit von weniger als einem Jahr. Und nur 2,7 Prozent hatten die Befristung bewusst gewählt. Wer eine dauerhaft benötigte Position befristet ausschreibt, schränkt den Kandidatenkreis also spürbar ein: Für fast alle Befristeten ist der Vertrag ein Kompromiss, kein Wunsch.
Quellen: IAB – „Beschäftigte arbeiten in ihrem Erwerbsleben nur selten für einen einzigen Arbeitgeber“ (11.08.2026) · IAB-Kurzbericht Nr. 14/2026, Dana Müller & Philipp vom Berge: „Nur ein Arbeitgeber war schon immer die Ausnahme“ (PDF) · Statistisches Bundesamt – Befristete Beschäftigung 2025, Mitteilung Nr. N056 (13.08.2026)
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