Erwerbstätigkeit im 2. Quartal 2026: Gesundheit wächst, die Industrie verliert 159.000 Stellen
Das Statistische Bundesamt hat diese Woche die Quartalszahlen zur Erwerbstätigkeit vorgelegt, das IAB eine Studie zu Kreditkosten und Industriebeschäftigung. Dazu die aktuelle Lagebeurteilung der Krankenhäuser.
Destatis: 45,7 Millionen Erwerbstätige, 212.000 weniger als vor einem Jahr
Am 18. August 2026 hat das Statistische Bundesamt die Ergebnisse für das 2. Quartal 2026 veröffentlicht (Pressemitteilung Nr. 292). Rund 45,7 Millionen Menschen waren in Deutschland erwerbstätig. Saisonbereinigt sank die Zahl gegenüber dem Vorquartal um 53.000 Personen oder 0,1 Prozent, gegenüber dem 2. Quartal 2025 um 212.000 Personen oder 0,5 Prozent. Die Zahl der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer lag bei 42,1 Millionen (−154.000; −0,4 Prozent), die der Selbstständigen bei 3,6 Millionen (−58.000; −1,6 Prozent).
Bemerkenswert ist die Entwicklung in den Dienstleistungsbereichen: Sie gaben im Vorjahresvergleich um 27.000 Personen oder 0,1 Prozent nach und sanken damit laut Destatis erstmals seit der Corona-Krise spürbar. In den Jahren davor hatten sie den Rückgang in der Industrie immer wieder ausgeglichen.
Wo Beschäftigung entsteht und wo sie wegfällt
Der Blick auf die einzelnen Wirtschaftsbereiche zeigt zwei gegenläufige Bewegungen. Gewachsen ist im Vorjahresvergleich vor allem der Bereich öffentliche Dienstleister, Erziehung und Gesundheit mit einem Plus von 187.000 Personen oder 1,5 Prozent. Zurückgegangen sind das produzierende Gewerbe ohne Baugewerbe um 159.000 Personen (−2,0 Prozent), Handel, Verkehr und Gastgewerbe um 115.000 (−1,1 Prozent), die Unternehmensdienstleister um 52.000 (−0,8 Prozent), sonstige Dienstleistungen um 28.000 (−0,9 Prozent), Information und Kommunikation um 24.000 (−1,5 Prozent), das Baugewerbe um 17.000 (−0,7 Prozent) sowie Land- und Forstwirtschaft und Fischerei um 9.000 (−1,5 Prozent). Nahezu unverändert blieben die Finanz- und Versicherungsdienstleister mit einem Plus von 1.000 Personen (+0,1 Prozent).
Für die Praxis in unseren Kernbranchen sind dabei zwei Einschränkungen wichtig. Erstens fasst Destatis öffentliche Dienstleister, Erziehung und Gesundheit zu einem Bereich zusammen; einen eigenen Wert allein für Kliniken, Praxen und Pflege enthält die Mitteilung nicht. Der Zuwachs sagt also, dass dieser Block insgesamt wächst, nicht in welchem Umfang das auf die Medizin entfällt. Zweitens gehört die Steuerberatung statistisch zu den Unternehmensdienstleistern, dem Bereich mit dem Minus von 52.000 Personen. Auch hier weist die Mitteilung keinen gesonderten Wert aus.
Was sich daraus ableiten lässt: Ein schrumpfender Gesamtarbeitsmarkt entspannt die Personalsuche in den Engpassberufen nicht automatisch. Wer eine Fachärztin, eine Pflegefachkraft oder eine Steuerfachangestellte sucht, konkurriert weiterhin um dieselben Qualifikationen. Wie hoch der Preis einer lange offenen Stelle ist, haben wir im Ratgeber Vakanzkosten durchgerechnet.
DKG: Geschäftsklima der Kliniken auf einem neuen Tiefstand
Die Deutsche Krankenhausgesellschaft hat am 11. August 2026 das Krankenhaus-Konjunkturbarometer für das zweite Quartal veröffentlicht. Grundlage ist eine repräsentative Online-Befragung von 274 Krankenhäusern mit mehr als 100 Betten. Ergebnis: „Nur 14 Prozent der deutschen Krankenhäuser beurteilen ihre wirtschaftliche Situation als gut, 58 Prozent hingegen als unbefriedigend.“ In ländlichen Regionen bewerten zwei von drei Häusern ihre Lage als unbefriedigend, bei großen Kliniken mit mehr als 600 Betten sind es 77 Prozent. 61 Prozent der Kliniken erwarten eine weitere Verschlechterung.
Der Geschäftsklima-Index, der zwischen minus 100 und plus 100 schwanken kann, liegt bei minus 51 und damit 18 Punkte unter dem schwächsten Wert aller vom ifo-Institut untersuchten Wirtschaftszweige. Der Krankenhaussektor beschäftigt nach Angaben der DKG 1,7 Millionen Menschen.
Zusammen mit den Destatis-Zahlen ergibt das ein Bild, das viele Kliniken aus dem Alltag kennen: Der Personalbedarf im Gesundheitsbereich bleibt hoch, während der finanzielle Spielraum enger wird. Für die Besetzung heißt das meist, dass eine Vakanz länger offen bleibt als geplant und der Rest der Abteilung sie auffängt. Was das kostet und welche Hebel gegen Abwanderung wirken, steht im Ratgeber Mitarbeiterbindung.
IAB: Hohe Kreditkosten kosteten die Industrie 107.000 Stellen
Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hat am 17. August 2026 eine Untersuchung dazu veröffentlicht, wie sich die gestiegenen Finanzierungskosten auf die Beschäftigung auswirken. Die Kreditkosten stiegen von etwas über einem Prozent auf über 5 Prozent Ende 2023 und erreichten 2024 ihren Höhepunkt. Die Beschäftigung im verarbeitenden Gewerbe fiel 2025 um nahezu 5 Prozent unter das Niveau von 2020.
Den Zusammenhang beziffert das IAB so: „Ein um 10 Prozentpunkte erhöhter Verschuldungsgrad geht mit einem Beschäftigungsrückgang um 5,4 Prozent einher.“ Zwischen 2022 und 2025 fiel der Rückgang in den höher verschuldeten Branchen um 4,7 Prozentpunkte stärker aus als in den geringer verschuldeten; davon lassen sich 3,3 Prozentpunkte oder 107.000 Stellen auf den Verschuldungsgrad selbst zurückführen. IAB-Forschungsbereichsleiter Enzo Weber: „Nicht nur Energiepreise und Zölle belasten die Industrie, auch die hohen Kreditkosten drücken erheblich auf die Beschäftigung.“ Außerhalb des verarbeitenden Gewerbes ist der Effekt nach Angaben des Koautors Ahmet Ali Taskin begrenzt.
Für die Suche nach Vertriebspersonal in der Industrie hat das eine praktische Folge: Wenn Unternehmen Investitionen zurückstellen, wird zuerst intern umgeschichtet und erst danach eingestellt. Wer in dieser Lage eine Position im Außendienst oder eine technische Vertriebsrolle für Vertriebsingenieure besetzt, sucht die Kandidaten überwiegend bei Wettbewerbern, die gerade selbst sparen. Über eine Anzeige erreicht man diese Leute selten, über Direktansprache schon.
Quellen: Statistisches Bundesamt – „Erwerbstätigkeit im 2. Quartal 2026 saisonbereinigt gesunken“, Pressemitteilung Nr. 292 (18.08.2026) · Deutsche Krankenhausgesellschaft – „Geschäftsklima-Index der Kliniken weiter auf Rekordtief“ (11.08.2026) · IAB – „Gestiegene Kreditkosten belasten die Beschäftigungsentwicklung in Teilen des verarbeitenden Gewerbes erheblich“ (17.08.2026)
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