Offene Stellen: Gesundheitswesen legt zu, unternehmensnahe Dienstleistungen verlieren 62.000
Die Zahl der offenen Stellen ist im 2. Quartal 2026 bundesweit um 3 Prozent gesunken. Der Durchschnitt verdeckt allerdings, wie weit die Branchen auseinanderlaufen. Das zeigt der IAB-Monitor vom Donnerstag. Dazu eine KOFA-Auswertung zu den Regionen mit den größten Besetzungsproblemen und die Insolvenzzahlen des Statistischen Bundesamts.
Ein Minus von 3 Prozent, das die Branchen völlig unterschiedlich trifft
Am 10. September 2026 haben Nicole Gürtzgen, Alexander Kubis und Martin Popp den IAB-Monitor Arbeitskräftebedarf 2/2026 veröffentlicht. Die Gesamtzahl kennen Sie aus dem Rückblick der Vorwoche: 1,02 Millionen offene Stellen im 2. Quartal 2026, 35.000 oder rund 3 Prozent weniger als im Vorjahresquartal und 129.800 oder 11 Prozent weniger als im Vorquartal. Gegenüber dem Höchststand von knapp 2 Millionen im 4. Quartal 2022 ist das ein Rückgang um 48 Prozent.
Neu ist die Aufteilung nach Wirtschaftsbereichen, und die fällt deutlich aus. Den stärksten absoluten Rückgang verzeichnen die unternehmensnahen Dienstleistungen mit rund 62.000 Stellen weniger als im Vorjahresquartal, ein Minus von 23 Prozent. Das ist bereits das vierte Quartal in Folge mit dem größten Rückgang in dieser Gruppe. Zu ihr zählen das Grundstücks- und Wohnungswesen, die freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen sowie die sonstigen wirtschaftlichen Dienstleistungen, zu denen unter anderem die Arbeitnehmerüberlassung gehört. Das IAB weist die Rechts- und Steuerberatung darin nicht gesondert aus, sie fällt aber in den mittleren Teilbereich. Die Erklärung der Autoren: Diese Dienstleistungen hängen an der Geschäftstätigkeit anderer Unternehmen. Fehlen dort die Auftragsspitzen, fällt zuerst der Bedarf an flexibel einsetzbaren Kräften weg, und Beratung wie technische Dienstleistung reagieren ebenfalls schnell.
Ebenfalls im Minus: die öffentliche Verwaltung und Sozialversicherung mit 14.500 Stellen oder 29 Prozent weniger sowie das verarbeitende Gewerbe mit 8.000 Stellen weniger.
Im Plus stehen zwei Bereiche. Das Baugewerbe kommt auf 19.700 offene Stellen mehr als im Vorjahresquartal. Und die „sonstigen Dienstleistungen“ verzeichnen nach mehreren schwachen Quartalen wieder einen Zuwachs von 43.000 auf nun 308.000 offene Stellen. Dieser Zuwachs stammt laut IAB zu einem großen Teil aus dem Teilbereich Gesundheits- und Sozialwesen. Auch mit dem Plus liegt die Gruppe noch weit unter ihrem Höchststand von 571.500 Stellen im 4. Quartal 2022.
Für die Personalarbeit heißt das: Der oft zitierte Satz, der Arbeitsmarkt entspanne sich, gilt für Ihre Suche nur, wenn Sie in einer der schrumpfenden Branchen suchen. Wer eine Pflegefachkraft, eine MFA oder eine Ärztin sucht, konkurriert weiter mit einem wachsenden Stellenangebot. Was das in der Medizin und im Gesundheitswesen praktisch bedeutet, steht im Ratgeber zum Fachkräftemangel im Gesundheitswesen.
Große Betriebe streichen Stellen, kleine und mittlere nicht mehr
Auch nach Betriebsgröße hat sich das Bild gedreht. Der zuletzt mehrfach berichtete starke Rückgang bei kleineren Betrieben setzt sich nicht fort: Betriebe mit weniger als 50 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten kommen auf 536.300 offene Stellen und damit rund 600 oder 0,1 Prozent mehr als im Vorjahresquartal. Bei 50 bis 249 Beschäftigten stieg die Zahl um 2.900 oder rund 1 Prozent. Betriebe ab 250 Beschäftigten meldeten dagegen 38.400 offene Stellen weniger, ein Minus von 13 Prozent.
Der Stellenabbau der vergangenen Monate kommt also aus den Großbetrieben. Kleine Praxen, Kanzleien und Mittelständler suchen weiter im gleichen Umfang wie vor einem Jahr, haben aber seltener eine Personalabteilung, die die Suche trägt. Welche Wege sich dann rechnen, vergleicht der Ratgeber Personalvermittlung, Zeitarbeit oder Eigenrecruiting.
Von den 1,02 Millionen offenen Stellen waren nach Angaben der Betriebe 581.900 der Bundesagentur für Arbeit gemeldet, eine Meldequote von 52 Prozent. Knapp die Hälfte des Stellenangebots läuft also über andere Kanäle und taucht in den Zahlen der Arbeitsagentur nie auf. Auf eine offene Stelle kamen im Schnitt 2,9 Arbeitslose, nach 2,8 im Vorjahresquartal; in Ostdeutschland waren es 3,4, in Westdeutschland 2,8.
KOFA: Für 32 Prozent der Stellen gibt es rechnerisch keine passenden Arbeitslosen
Wie wenig die Durchschnittsrelation über die einzelne Besetzung sagt, zeigt eine Auswertung des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (KOFA) am Institut der deutschen Wirtschaft vom 4. September 2026. Sie betrachtet die Stellenüberhangsquote: den Anteil offener Stellen für qualifizierte Arbeitskräfte, für die es rechnerisch keine passend qualifizierten Arbeitslosen gibt. Bundesweit lag dieser Anteil zwischen Juli 2025 und Juni 2026 bei 32,0 Prozent, es fehlten im Durchschnitt mehr als 340.000 qualifizierte Arbeitskräfte.
Regional geht die Quote weit auseinander. In Mecklenburg-Vorpommern lag sie mit 45,7 Prozent am höchsten, es folgten Brandenburg mit 41,4, Sachsen-Anhalt mit 39,8, Thüringen mit 39,0 und Sachsen mit 37,2 Prozent. Alle ostdeutschen Flächenländer liegen damit über dem Bundesdurchschnitt. Den niedrigsten Wert nennt das KOFA für Berlin mit 24,2 Prozent, wo das größere Arbeitskräfteangebot die Suche erleichtert. Für unseren Standort Berlin heißt das: Die Stadt ist kein Sonderfall nach oben, sondern der entspannteste Markt im Vergleich der Länder.
Dass ein Bundesland im Schnitt gut dasteht, hilft im Engpassberuf allerdings wenig. Das KOFA nennt als Berufe mit den größten Lücken in den ostdeutschen Ländern ausdrücklich Gesundheitsberufe wie die Altenpflege, die Physiotherapie und die Gesundheits- und Krankenpflege sowie technische Berufe wie Bauelektrik, elektrische Betriebstechnik und Kraftfahrzeugtechnik. Diese Berufe sind auch bundesweit von Engpässen betroffen, ein Ausweichen in eine andere Region löst das Problem also nicht. Acht der zehn Berufe mit den größten Engpässen erfordern eine berufliche Ausbildung, nur zwei eine Fortbildung oder ein Studium. Der Engpass sitzt damit nicht bei den Akademikern, sondern in den klassischen Ausbildungsberufen.
Wenn für ein Drittel der qualifizierten Stellen niemand arbeitslos gemeldet ist, der passt, führt die Ausschreibung allein nicht zum Ziel. Dann bleibt der Weg über Beschäftigte in ungekündigter Stellung, also die Direktansprache, oder über Zuwanderung, etwa beim Anwerben von Pflegekräften aus dem Ausland.
12.812 Unternehmensinsolvenzen im ersten Halbjahr
Am 11. September 2026 hat das Statistische Bundesamt die Insolvenzzahlen für Juni und das erste Halbjahr gemeldet (Pressemitteilung Nr. 325). Im Juni registrierten die Amtsgerichte 2.266 beantragte Unternehmensinsolvenzen, 15,8 Prozent mehr als im Juni 2025. Für das erste Halbjahr 2026 summiert sich das auf 12.812 Fälle, 6,7 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Höher lag der Halbjahreswert zuletzt 2013 mit 13.253 Fällen.
Die Forderungen der Gläubiger fielen mit rund 18,5 Milliarden Euro trotzdem niedriger aus als im ersten Halbjahr 2025 mit 28,2 Milliarden Euro. Der Grund liegt laut Destatis darin, dass im Vorjahreszeitraum mehr wirtschaftlich bedeutende Unternehmen betroffen waren. Bezogen auf 10.000 Unternehmen gab es insgesamt 36,2 Insolvenzen, am häufigsten in Verkehr und Lagerei mit 71,6 Fällen, im Gastgewerbe mit 59,6 und im Baugewerbe mit 53,4.
Zwei Einschränkungen nennt das Amt selbst: Die Statistik erfasst Anträge erst nach der ersten Gerichtsentscheidung, der tatsächliche Antrag liegt meist rund drei Monate früher. Und sie bildet nur Geschäftsaufgaben im Insolvenzverfahren ab, nicht die stillen Schließungen davor.
Für die Personalsuche ist das ein zweischneidiger Befund. Mehr Insolvenzen bedeuten mehr erfahrene Fachkräfte, die kurzfristig verfügbar werden, gerade im Baugewerbe und in der Logistik. In den Engpassberufen aus der KOFA-Auswertung ändert sich dadurch aber wenig, weil dort kaum Insolvenzen anfallen. Für Steuerkanzleien und Wirtschaftsprüfer bedeutet die Entwicklung vor allem Mehrarbeit im Bestand: Sanierungs- und Insolvenzberatung bindet Kapazität, die für das laufende Mandat fehlt. Wie sich der Personalbedarf dort entwickelt, steht auf unserer Seite zur Steuerberatung.
Quellen: Nicole Gürtzgen, Alexander Kubis, Martin Popp (IAB) – „IAB-Monitor Arbeitskräftebedarf 2/2026: Die Zahl der offenen Stellen ist insbesondere bei unternehmensnahen Dienstleistungen rückläufig“, IAB-Forum vom 10.09.2026 · KOFA / Institut der deutschen Wirtschaft – „Größte Besetzungsprobleme in ostdeutschen Flächenländern“, KOFA Aktuell 01/2026, Stand 04.09.2026 · Statistisches Bundesamt – „Unternehmensinsolvenzen im Juni 2026: +15,8 % gegenüber Juni 2025“, Pressemitteilung Nr. 325 (11.09.2026)
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