16 Bewerbungen je Neueinstellung, vier davon aus Sicht der Betriebe geeignet
Das IAB hat diese Woche die Stellenerhebung für das 2. Quartal 2026 veröffentlicht. Sie enthält eine Zahl, die viele Personalverantwortliche aus dem Alltag kennen, aber selten belegt sehen. Dazu kamen vom Statistischen Bundesamt die Arbeitszeitwünsche 2025 und vom IAB der neue Lohnmonitor.
Mehr Bewerbungen, weniger Passung
Am 3. September 2026 hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) die Ergebnisse seiner Stellenerhebung für das 2. Quartal 2026 vorgelegt. Ausgewertet wurden Antworten von 8.529 Arbeitgebern aus allen Wirtschaftsbereichen. Der Teil, der für die Personalarbeit am meisten hergibt, steht nicht in der Überschrift zu den offenen Stellen, sondern bei den Bewerbungen.
Die Zahl der Bewerbungen je sozialversicherungspflichtiger Neueinstellung ohne Ausbildungsverhältnisse ist von durchschnittlich 9 im Jahr 2022 auf 16 im Jahr 2025 gestiegen. Von diesen 16 hielten die Betriebe im Schnitt nur rund 4 überhaupt für geeignet, das sind 28 Prozent. Knapp zwölf Bewerbungen je Einstellung landen also in der Absage, bevor über Sympathie, Gehalt oder Verfügbarkeit auch nur gesprochen wurde.
Nach Anforderungsniveau fällt der Befund noch deutlicher aus. Auf den Stufen „Spezialist“ und „Experte“, die in der Regel akademische Abschlüsse sowie Meister und Techniker umfassen, liegt der Anteil geeigneter Bewerbungen bei durchschnittlich 23 Prozent und damit unter dem Wert im Helfer- und im Fachkraftbereich. Die meisten Bewerbungen gehen laut IAB in den IT- und naturwissenschaftlichen Dienstleistungsberufen ein, die wenigsten in den personenbezogenen Dienstleistungsberufen. In diesen Sektor fallen unter anderem die Gesundheits- und Pflegeberufe.
Studienautor Alexander Kubis nennt zwei mögliche Erklärungen: eine schlechtere Passung von Angebot und Nachfrage als Folge wirtschaftlicher Umbrüche, in denen einmal erworbenes Wissen schnell veraltet, und den gestiegenen Konkurrenzdruck um weniger freie Stellen, der Jobsuchende dazu bringt, sich auch auf weniger passende Positionen zu bewerben. Er weist ausdrücklich darauf hin, dass die Eignungsangabe die betriebliche Sichtweise wiedergibt.
Für die Praxis heißt das vor allem eines: Ein voller Posteingang ist kein Indikator mehr für eine gut laufende Suche. Wer aus 16 Bewerbungen vier brauchbare zieht, verbringt den größeren Teil der Arbeit mit Sortieren und Absagen. Die rechtlichen Fristen und Formulierungen dafür stehen im Ratgeber Absage an Bewerber. Wirksamer als schnelleres Sortieren ist meist, die Vorauswahl schon in die Ausschreibung zu verlegen: Eine präzise formulierte Stellenanzeige und die Wahl der passenden Kanäle senken die Zahl der Bewerbungen, aber nicht die Zahl der geeigneten. In Engpassberufen bleibt der zweite Weg die Direktansprache, weil dort von vornherein nur angesprochen wird, wer das Profil erfüllt.
1,02 Millionen offene Stellen, 291 Arbeitslose je 100 Stellen
Der Gesamtbefund der Erhebung: Im 2. Quartal 2026 gab es bundesweit rund 1,02 Millionen offene Stellen, 129.800 oder etwa 11 Prozent weniger als im Vorquartal und 35.000 oder rund 3 Prozent weniger als im 2. Quartal 2025. Abgesehen von den Corona-Lockdowns 2020 lag die Arbeitskräftenachfrage seit 2016 nicht mehr so niedrig. Auf Westdeutschland entfielen 820.400 offene Stellen, auf Ostdeutschland 203.000. Rund 81 Prozent der Stellen waren sofort zu besetzen, also zum Erhebungszeitpunkt bereits unbesetzt.
Auf 100 ausgeschriebene Stellen kamen im Bundesdurchschnitt 291 arbeitslos gemeldete Personen, 14 mehr als im Vorjahresquartal und 27 mehr als im Vorquartal. In Ostdeutschland waren es 339, in Westdeutschland 279. Der Anstieg geht laut IAB sowohl auf den Rückgang der offenen Stellen als auch auf die gestiegene Zahl Arbeitsloser zurück.
Diese Relation beschreibt den Durchschnitt über alle Berufe. Sie sagt nichts darüber, wie viele der 291 Personen für eine bestimmte Stelle in Frage kommen, und genau hier setzt der Eignungsbefund oben an. Wer eine Fachärztin, eine examinierte Pflegefachkraft oder eine Steuerfachangestellte mit Bilanzsicherheit sucht, arbeitet weiter in einem Markt, in dem die Kandidatinnen und Kandidaten in ungekündigter Stellung sitzen. Wie sich das in Medizin und Gesundheitswesen und in der Steuerberatung auswirkt, ändert sich durch eine allgemein schwächere Stellennachfrage kaum. Was das Warten kostet, rechnet der Ratgeber zu den Vakanzkosten durch.
Arbeitszeitwünsche 2025: 3,8 Millionen wollen kürzer arbeiten, 1,5 Millionen länger
Am 4. September 2026 hat das Statistische Bundesamt Erstergebnisse des Mikrozensus 2025 zu den Arbeitszeitwünschen veröffentlicht (Pressemitteilung Nr. 314). Von den Erwerbstätigen zwischen 15 und 74 Jahren wünschten sich 3,8 Millionen eine kürzere und 1,5 Millionen eine längere Arbeitszeit.
Die beiden Gruppen sehen unterschiedlich aus. Wer kürzer arbeiten wollte, kam auf eine gewöhnliche Wochenarbeitszeit von durchschnittlich 40,9 Stunden und hätte gerne 10,5 Stunden weniger gearbeitet. Wer länger arbeiten wollte, kam auf 26,2 Stunden und hätte gerne 10,5 Stunden mehr gearbeitet. Unter den 3,8 Millionen mit Reduzierungswunsch waren 3,3 Millionen Vollzeit- und 0,5 Millionen Teilzeitbeschäftigte; unter den 1,5 Millionen mit Mehrarbeitswunsch waren 1,1 Millionen in Teilzeit und 0,4 Millionen in Vollzeit. Wichtig für die Einordnung: Die Befragten sollten berücksichtigen, dass Mehrarbeit mit höherem und Minderarbeit mit geringerem Verdienst einhergeht. Es geht also nicht um Wünsche bei gleichem Gehalt.
Bei Vollzeitbeschäftigten arbeiteten Männer mit 41,1 Stunden 1,5 Stunden länger als Frauen mit 39,6 Stunden. Sie wollten häufiger aufstocken (1,8 gegenüber 1,1 Prozent) und seltener reduzieren (10,3 gegenüber 13,5 Prozent). In Teilzeit war es umgekehrt: Frauen arbeiteten mit 22,1 Stunden 2,2 Stunden länger als Männer mit 19,9 Stunden, äußerten aber mit 7,4 Prozent seltener einen Aufstockungswunsch als teilzeitbeschäftigte Männer mit 10,4 Prozent.
Rein rechnerisch würde die Erfüllung aller Wünsche die durchschnittliche Wochenarbeitszeit um 0,6 Stunden je Erwerbstätigen senken, von 34,7 Stunden ausgehend. Das ist kein großer Saldo, aber er verdeckt die eigentlich interessante Bewegung dahinter: 1,5 Millionen Menschen wollen mehr arbeiten, die meisten davon aus der Teilzeit heraus. Für Arbeitgeber in Pflege, Praxis und Kanzlei ist das ein Reservoir, das man ohne Personalsuche erreicht. Eine bestehende Teilzeitkraft aufzustocken kostet weniger als eine Neubesetzung, und die Person kennt die Abläufe bereits. Was Beschäftigte darüber hinaus im Haus hält, steht im Ratgeber zur Mitarbeiterbindung.
Destatis nennt selbst eine Einschränkung: Befragungen zu Arbeitszeitwünschen liefern je nach Erhebungsweg unterschiedliche Ergebnisse. Zwischen Mikrozensus und Sozio-oekonomischem Panel gibt es Abweichungen, und seit der Einführung der Online-Befragung im Mikrozensus 2020 fallen deutliche Unterschiede zwischen Online- und übrigen Antworten auf, über alle Altersklassen und bei beiden Geschlechtern.
Lohnmonitor: 1.053 Euro im untersten, 7.907 Euro im obersten Zehntel
Ebenfalls am 4. September 2026 haben Hermann Gartner und Enzo Weber vom IAB Auswertungen aus dem Lohnmonitor veröffentlicht. Grundlage sind drei Wellen der IAB-Online-Personenbefragung „Arbeiten und Leben in Deutschland“ aus dem Jahr 2025. Die Beschäftigten wurden nach monatlichem Bruttolohn in zehn gleich große Gruppen geteilt. Das unterste Zehntel kam 2025 auf durchschnittlich 1.053 Euro im Monat, das oberste auf 7.907 Euro.
Der Abstand zwischen den unteren Dezilen erklärt sich laut IAB stark über die Arbeitszeit, nicht über den Stundenlohn: Vom ersten bis zum dritten Dezil steigt der Verdienst zusammen mit deutlich zunehmenden Wochenstunden, danach flacht der Verlauf ab. Personen mit Hochschulabschluss stellen ab dem sechsten Dezil zunehmend größere Anteile, der Anteil von Personen ohne Berufsabschluss sinkt über die Dezile hinweg. Im untersten Zehntel sind fast 80 Prozent Frauen, im obersten über 80 Prozent Männer; dazwischen sinkt der Frauenanteil weitgehend gleichmäßig. Unter 25-Jährige sind im untersten Dezil am stärksten vertreten, was die Autoren auf Studierende zurückführen, im obersten praktisch gar nicht.
Wer Gehaltsbänder festlegt, sollte die Zahlen nicht als Branchenbenchmark lesen. Sie beschreiben die Lohnverteilung über alle Beschäftigten und beruhen auf einer Personenbefragung, nicht auf Meldedaten. Brauchbar ist der Befund zur Arbeitszeit: Ein Monatsgehalt lässt sich ohne die dazugehörige Stundenzahl nicht vergleichen. Wer im Vorstellungsgespräch über Geld spricht, sollte deshalb immer die vereinbarte Wochenarbeitszeit danebenlegen, sonst reden beide Seiten über verschiedene Dinge. Wie sich solche Gespräche strukturieren lassen, steht im Ratgeber Vorstellungsgespräch führen.
Quellen: Alexander Kubis (IAB) – „IAB-Stellenerhebung 2/2026: Fast drei von vier Bewerbungen sind aus betrieblicher Sicht ungeeignet“, IAB-Forum vom 03.09.2026 · Statistisches Bundesamt – „Arbeitszeitwünsche 2025: 3,8 Millionen Erwerbstätige wollten weniger und 1,5 Millionen wollten mehr arbeiten“, Pressemitteilung Nr. 314 (04.09.2026) · Hermann Gartner, Enzo Weber (IAB) – „Der IAB-Lohnmonitor liefert wichtige Basisfakten zur Verteilungsdebatte“, IAB-Forum vom 04.09.2026
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